Mit Erinnerungen und Musik den Alltag mit Demenz gestalten

Fragen Sie nach der Lebensgeschichte: Lieblingslieder, Hobbys und Fotos können Erinnerungen wecken. Eine Mundharmonika-Geschichte zeigt, wie Musik und Rituale Menschen mit Demenz im Alltag Sicherheit geben können.

Mit Erinnerungen und Musik den Alltag mit Demenz gestalten

Wer einen Menschen mit Demenz begleitet, fragt sich oft: Was gibt ihm Sicherheit und Freude? Eine gute Grundlage kann seine Lebensgeschichte sein. Fragen Sie gezielt nach der Vergangenheit: nach Hobbys, Vorlieben, dem Lieblingsfilm, dem Lieblingsbuch, dem Lied, das nicht mehr aus dem Kopf geht, oder dem Instrument, das früher einmal gespielt wurde. Dieser Beitrag zeigt, wie Erinnerungen, Musik und feste Rituale den Alltag erleichtern können.

Eine Geschichte über eine Mundharmonika

Zum 90. Geburtstag meiner Mutter, die an Demenz erkrankt ist, schenkte ich ihr eine Mundharmonika. Sie hatte mir einmal erzählt, dass sie auf der Flucht aus Tschechien im Zweiten Weltkrieg, damals war sie 18, ihre geliebte Mundharmonika verloren hatte. Beim gemeinsamen Frühstück packte sie das Päckchen aus, setzte die Mundharmonika an und spielte ohne weitere Übung die Lieder, die ihr ein ganzes Leben im Kopf herumgegangen waren, nahezu fehlerfrei. Alle am Tisch waren sprachlos. Und mich hat es geärgert, dass ich nicht schon früher auf diese Idee gekommen war.

Natürlich ist jeder Mensch anders, und nicht jeder Mensch mit Demenz reagiert so. Die Geschichte zeigt aber, wie viel in der Lebensgeschichte eines Menschen stecken kann.

Mit der Lebensgeschichte beginnen

Gehen Sie gemeinsam in der Vergangenheit auf Spurensuche: nachfragen, aufmerksam zuhören und ausprobieren, was etwas auslöst. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft empfiehlt dazu unter anderem, Verwandte und Freunde zu befragen, denn die Musikerfahrungen aus Kindheit und Jugend sind für viele Menschen besonders wichtig. Auch ein Blick in die Wohnung lohnt sich: Liederbücher, Schallplatten, CDs oder alte Instrumente können Erinnerungen wecken[1].

Erinnerungen können auch Gefühle auslösen, die nicht nur schön sind. Erschrecken Sie nicht, wenn Tränen fließen. Oft sind es Tränen der Rührung[1]. Wenn ein Lied oder ein Thema erkennbar belastet, wechseln Sie behutsam zu etwas anderem.

Musik als Zugang zu Erinnerungen

Menschen mit Demenz, deren Gedächtnis stark eingeschränkt ist, können sich beim Hören von Liedern aus ihrer Jugendzeit plötzlich wieder an Liedtexte und Situationen erinnern. Musik kann beleben, aktivieren und die Stimmung aufhellen[2]. Dabei ist es nicht entscheidend, ob jemand selbst Musik macht, zuhört, tanzt oder singt. Wählen Sie am besten Musik, die Ihr Angehöriger früher gern gehört hat oder die für ihn eine besondere Bedeutung hatte.

Nur das Radio einzuschalten reicht oft nicht aus. Hilfreicher kann es sein, bewusst auszuwählen und gemeinsam zu singen oder zuzuhören[2]. Musik und Mitsingbücher finden Sie in unserer Sammlung Musik - Mitsingbücher & mehr.

Fotos, Videos und Bilder

Auch Fotoalben oder selbst gemachte Videos können Erinnerungen wecken. Bilder aus früheren Zeiten können dem Menschen mit Demenz die Erinnerung manchmal leichter machen als Erzählungen. Wenn er sich an früher erinnert, kann ihm das Freude machen und das Gefühl geben, etwas zu können. Passende Anregungen finden Sie in der Sammlung Quiz & Fotokarten.

Rituale für Vertrauen und Sicherheit

Feste Gewohnheiten, feste Reihenfolgen und feste Abläufe können Sicherheit geben und dem Alltag Struktur verleihen. Dafür braucht es keinen großen Aufwand:

  • Gebrauchsgegenstände an ihrem festen Platz lassen
  • Jeden Morgen zur gleichen Zeit aufstehen
  • Eine feste Aktivität am Nachmittag einplanen, zum Beispiel die gemeinsame Kaffeerunde mit Lieblingsmusik
  • Gemeinsame Zeiten in der Woche, in denen bekannte Lieder gesungen oder alte Fotos angesehen werden

Auch wenn die Diagnose den Alltag verändert: Was früher Gewohnheit war, kann auch heute noch Halt geben.

Weitere Anregungen

Mehr zur Begleitung im Alltag finden Sie in unseren Beiträgen Demenz in der frühen Phase: 7 Tipps für Angehörige, Demenz: Ein Ratgeber für Angehörige und Sundowning bei Demenz verstehen.

Was einem Menschen guttut, ist sehr unterschiedlich. Sprechen Sie bei Fragen zu Verhalten oder Belastung mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt oder nutzen Sie eine Beratungsstelle.


Quellenangaben:

  1. Deutsche Alzheimer Gesellschaft: Musik in der Begleitung von Menschen mit Demenz (Broschüre)
  2. Deutsche Alzheimer Gesellschaft: Musik als Königsweg zu Menschen mit Demenz

Letzte Überarbeitung: Oktober 2026