Es ist kurz nach 16 Uhr. Draußen dämmert es, die Schatten werden länger, und im Raum ändert sich die Stimmung. Ihr Angehöriger, der den ganzen Tag noch ruhig gewesen ist, wird unruhig. Er zupft an seiner Kleidung, murmelt Unverständliches, zeigt auf die Tür. Als Sie ihn beruhigen wollen, schlägt er nach Ihnen.
Sundowning. Ein Wort, das viele pflegende Angehörige fürchten.
Was ist Sundowning?
Als Sundowning wird eine Phase am späten Nachmittag und frühen Abend bezeichnet, in der Menschen mit Demenz verwirrter, unruhiger und manchmal aggressiver werden können[1]. Es ist keine eigene Krankheit, sondern eine Gruppe von Symptomen und Verhaltensweisen, die bei Demenz auftreten können[2]. Manche Menschen mit Demenz möchten dann "nach Hause gehen", obwohl sie zu Hause sind. Nicht jeder Mensch mit Demenz erlebt Sundowning, und wann und wie stark es auftritt, ist unterschiedlich.
Warum wird es abends oft schlimmer?
Warum das so ist, lässt sich nicht genau sagen. Wahrscheinlich spielen mehrere Faktoren zusammen[1]. Mögliche Gründe sind:
- Der innere Rhythmus gerät aus dem Takt. Der Bereich im Gehirn, der den Tag-Nacht-Rhythmus steuert, kann bei Demenz früh betroffen sein[1].
- Müdigkeit und Erschöpfung. Nach einem langen Tag mit vielen Aktivitäten können die Kräfte aufgebraucht sein[2].
- Dunkelheit und Schatten. Die Dämmerung kann verwirrend sein, und Schatten können Dinge anders aussehen lassen, als sie sind[2].
- Unbehandelte Beschwerden. Schmerzen, Harndrang oder andere körperliche Ursachen können abends spürbarer werden und Unruhe verstärken[2].
- Reizüberflutung. Ein langer Tag voller Eindrücke kann zur Überlastung führen[2].
Aggressivität: oft ein Ausdruck von Not, kein Angriff
Wenn ein Mensch mit Demenz schreit, schlägt oder beschimpft, steckt dahinter in der Regel keine böse Absicht. Das kann Ausdruck von Angst, Überforderung oder Hilflosigkeit sein.
Was Angehörige tun können
Tagsüber
- Möglichst Zeit im Tageslicht verbringen, etwa beim Frühstück am Fenster oder bei einem kurzen Spaziergang[1].
- Einen Mittagsschlaf auf etwa 30 Minuten begrenzen[1].
- Anspruchsvolle Aktivitäten, Arzttermine oder die Körperpflege eher auf den Vormittag oder frühen Nachmittag legen, wenn der Mensch mit Demenz meist aufmerksamer ist[2].
In der unruhigen Phase am späten Nachmittag und Abend
- Ruhe schaffen und Reize verringern, zum Beispiel Fernseher und laute Musik ausschalten[2].
- Für ruhiges, gleichmäßiges Licht sorgen, ohne dunkle Ecken und Schatten, die verwirren können.
- Vertraute Musik, Fotos oder eine ruhige Beschäftigung anbieten, die dem Menschen mit Demenz gefällt[2].
Wenn die Situation eskaliert
- Wahren Sie Abstand, vermeiden Sie Zwang und achten Sie auf die Sicherheit aller Beteiligten.
- Holen Sie bei Bedarf professionelle Unterstützung hinzu. Sprechen Sie anhaltende Unruhe auch mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt an, damit körperliche Ursachen wie Schmerzen oder Infekte abgeklärt werden können[1].
Sie sind nicht allein
Sundowning gehört zu den Verhaltensweisen, die bei Demenz auftreten können. Es ist kein Versagen Ihrerseits.
Quellenangaben:
- Alzheimer Forschung Initiative: Demenz & Schlaf, Was bei nächtlicher Unruhe hilft
- Alzheimer's Association (englisch): What is Sundowning? Causes & Coping Strategies
Letzte Überarbeitung: Oktober 2026