Einen Menschen mit Demenz zu pflegen, heißt pflegen bis fast zur Selbstaufgabe!

Einen Demenzkranken zuhause pflegen - eine Mammutaufgabe für Angehörige

Die Gründe pflegebedürftig zu werden sind vielfältig. Oft liegen mehrere Ursachen gleichzeitig vor. Das Robert-Koch-Institut sagt jedoch, dass demenzielle Erkrankungen der häufigste Grund für eine Pflegebedürftigkeit sind. Es wird geschätzt, dass zwei Drittel der Demenzkranken zuhause versorgt werden. Die meisten davon alleine durch pflegende Angehörige ohne die Unterstützung eines Pflegedienstes.

"Mein Mann hat damals unser Haus fast alleine gebaut. Heute kann er noch nicht mal mehr einen Nagel in die Wand schlagen." Wer demenzkranke Angehörige pflegt weiß: Hier kann der Alltag schnell aus den Fugen geraten. Die geliebte Person ist nach und nach immer weniger sie selbst. Immer weniger die Person, die einem einst so vertraut war. Man kann plötzlich keine Vereinbarungen mehr mit ihnen treffen, ihnen keine wichtigen Aufgaben mehr übertragen. Menschen mit Demenz sind nur noch bedingt lernfähig. Das eingeschränkte Gedächtnis führt dazu, dass sie das Meiste innerhalb von Minuten wieder vergessen haben. Besonders im Anfangsstadium der Erkrankung sind die Betroffenen verunsichert, weil sie selbst bemerken, dass vieles nicht mehr so funktioniert wie früher. Und selbst ein stark pflegebedürftiger Demenzpatient spürt, dass er anderen zur Last fällt.

Demente Menschen benötigen für alles viel mehr Zeit: zum Sprechen, zum Essen, zum Anziehen, zur Körperpflege. Sie fühlen sich oft falsch verstanden, wenn sie für Dinge verantwortlich gemacht werden, die sie längst vergessen haben. All das sind Faktoren, die die Geduld der pflegenden Angehörigen gehörig auf die Probe stellen können. 

Es ist wichtig, sich immer wieder in das demenzkranke Familienmitglied hineinzuversetzen, um seine Reaktionen verstehen zu können. Stellen Sie sich vor, Sie selbst werden mitten in Tokio ausgesetzt und sollen Ihr Hotelzimmer finden - ohne ein einziges Wort japanisch zu sprechen. Alle um Sie herum reden ständig von Dingen, die Sie nicht verstehen, schauen Sie komisch an oder gehen genervt weiter. So geht es dem Pflegebedürftigen täglich. Und wer sich ständig unverstanden fühlt, wird irgendwann wütend. Wenn seine Angehörigen darauf wieder mit Unverständnis oder Ungeduld reagieren, löst das weiteren Ärger, Verwirrung oder Aggressionen aus. 

Anders als einer professionellen Pflegekraft fehlt Ihnen die schützende emotionale Distanz zu ihrem demenzkranken Angehörigen. Für Sie ist die Pflege keine Arbeit mit geregelten Pausen- und Erholungszeiten. Für Sie ist die Pflege ein 24-Stunden-Job, der noch mit dem eigenen Beruf und dem eigenen Privatleben vereinbart werden muss.

Die Betreuung eines Demenzkranken ist nicht mit Hilfe im Haushalt, Unterstützung bei körperlichen Einschränkungen und Essenszubereitung getan. Häufig wird die emotionale Belastung, die mit der Pflege eines demenzkranken Angehörigen einhergeht, unterschätzt. Forscher haben festgestellt, dass Menschen, die einen dementen Angehörigen pflegen, viel stärker mit Stress und Depressionen zu kämpfen haben als andere Pflegende.

Als besonders belastend wird häufig empfunden, dass durch den hohen Hilfsbedarf des Kranken eigene Freiräume stark eingeschränkt werden. Auch dass man mit dem vertrauten Menschen plötzlich nicht mehr auf Augenhöhe kommunizieren kann und rationale Argumente nicht verstanden werden, kann zu großer Verzweiflung führen. Dazu kommt eine weitere Belastung, die eine pflegende Tätigkeit mit sich bringt. Eine Demenzerkrankung führt häufig dazu, dass Patienten desorientiert, selbst mit normalerweise vertrauten Alltagstätigkeiten überfordert sind. Sie können sich nicht mehr erinnern, ob sie sich am Morgen schon gewaschen haben und wissen manchmal auch nicht mehr, wie man eine Toilette korrekt benutzt oder wo die Toilette überhaupt ist. Es kann passieren, dass demenzkranke Familienmitglieder das Duschen verweigern oder ihren Stuhlgang im Zimmer verschmieren. Und plötzlich ekelt man sich vor dem eigenen Angehörigen. 

 

Es macht mich wahnsinnig - als Pflegender die Ruhe behalten


Einem pflegebedürftigen Menschen gegenüber wütend, aggressiv oder angewidert zu sein, lässt häufig ein großes Schamgefühl zurück. Eigentlich weiß man ja, dass er sich nicht mit Absicht ungeschickt anstellt, nicht bewusst wieder den Mülleimer als Toilette benutzt hat und nicht extra gestürzt ist, als man gerade zum Sport loswollte. Trotzdem kann der ständige Verzicht auf die Erfüllung eigener Bedürfnisse und das Gefühl, dass einem alles über den Kopf wächst, manchmal für unangenehme Gefühle sorgen. Und dann kommt es plötzlich dazu, dass sich eine Situation unkontrolliert zuspitzt, man sich nur noch schwer kontrollieren kann und das Gefühl hat, kurz vor der Explosion zu stehen. Wut ist keine Emotion, für die man sich schuldig fühlen muss. Sie ist ein Signal dafür, dass etwas nicht so läuft, wie man es sich wünscht. Ein Signal, dass Sie etwas ändern sollten, dass Sie eine Pause brauchen.

Es ist völlig normal und in Ordnung, dass pflegende Angehörige auch mal wütend oder genervt sind. Alzheimer ist anstrengend. Es hilft aber nichts, die Wut gegen den Erkrankten zu richten.

Für einen solchen Moment sollten Sie Ihre persönlichen Notfall-Tricks parat haben. Sie können ruhig für ein paar Minuten aus dem Raum gehen, tief durchatmen, ein Glas Wasser oder Tee trinken und sich laut einen selbstberuhigenden Satz sagen.

Auch verschiedene Methoden der Achtsamkeit, die aus dem Buddhismus stammen, können Ihnen als pflegende Angehörige helfen, innerhalb weniger Minuten die Beherrschung wiederzugewinnen. Ein Beispiel: Atmen Sie erst einmal tief durch. Schauen Sie in eine Ecke des Raumes und nennen Sie fünf Dinge, die Sie dort sehen. Dann konzentrieren Sie sich auf Ihr Gehör und nennen fünf Dinge, die Sie gerade hören. Anschließend konzentrieren Sie sich auf Empfindungen an Ihrem Körper, zum Beispiel das Gefühl der Schuhe an den Füßen, ein Luftzug im Nacken oder ein Kribbeln am Bein. Nennen Sie mit jedem Atemzug eine dieser Beobachtungen. So können Sie Abstand zur Situation gewinnen und sich auf neutrale Umgebungseindrücke konzentrieren. Basteln Sie sich Ihren eigenen Notfallkoffer, der Tricks für die Akutsituation enthält, in der Sie drohen, die Kontrolle über sich zu verlieren. Probieren Sie in Ruhe aus, mit welchen Atemübungen oder welchen Bewegungen Sie schnell einen kühlen Kopf bekommen.

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